Es ist Tradition bei uns, daß ich Frau I. abends zum Einschlafen manchmal was vorlese. Also, wenn sie mich nötigt und es sich nicht vermeiden lässt. Normalerweise lese ich lieber meinen eigenen Kram, aber manchmal überredet sie mich dann halt doch, und wenn’s nicht gar so schlimm ist, muss ich jedes Kapitel nur zweimal vorlesen, weil sie für gewöhnlich mittendrin einschläft.
Jedenfalls hat sie mich gezwungen gebeten, ihr zuletzt “
Die Brüder Löwenherz” vorzulesen. Sie hatte mir das Buch mal geschenkt als ich ziemlich krank war, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen es zu lesen. Entweder ich las damals schon was anderes, oder ich fühlte mich zu unwohl, keine Ahnung.
Na jedenfalls sollte ich es ihr jetzt vorlesen. Hab ich auch getan. Aber mal ehrlich – was ist denn das für ein schreckliches Buch?
Für diejenigen, die das Buch noch nie gelesen haben: es geht um zwei Brüder. Der eine ist so krank, daß er seinen Lebtag nur in der Küche verbringt, der andere so eine Art arischer Superjunge den alle Welt liebt. Irgendwann brennt es dann mal und Superjunge rettet seinen Bruder, indem er mit ihm auf dem Rücken aus dem Fenster hüpft. Superjunge stirbt dabei. Soweit ganz normal möchte man denken.
Jetzt geht’s aber erst richtig los – denn irgendwann stirbt kranker Junge auch und Wunder oh Wunder (“oh” ist eines der am meisten gebrauchten Worte in dem Buch … z.B. “Der Wald war so dunkel, oh wie dunkel er war!”) sie kommen in das Land der Sagen und Lagerfeuer, namentlich “Nangijala”.
Kann man akzeptieren, ich meine ich akzeptiere ja auch graubärtige Magier die nach einem acht milliarden kilometer Fall inklusive Kampf mit einem Balrog unbeschadet und ohne nähere Erklärung zurückkehren um kleinen Menschen mit Haaren auf den Füßen zu helfen. Ich bin ja gar nicht so.
Wie das halt so ist, ist in Nangijala aber nicht alles Friede Freude Eierkuchen, sondern es gibt da natürlich einen richtig bösen Bösewicht und dem muss sich arischer Superjunge entgegenstellen. Kleiner kranker Junge (der in Nangijala nicht mehr krank ist, ergo also nur noch “kleiner stinknormaler Junge” ist) läuft irgendwie mit und jammert die ganze Zeit vor sich her auf eine gotterbarmenswerte Art und Weise, daß man rufen möchte “DANN BLEIB DOCH ZU HAUSE!”. Bleibt er aber nicht.
Lange Rede, kurzer Sinn, irgendwann ist der richtig böse Böse platt, aber ganz ohne Tragik geht’s natürlich nicht. Superjunge wurde im Endkampf schlimm verletzt und wird den Rest seines Lebens gelähmt bleiben. Um das zu umgehen bittet er seinen jüngeren Bruder (wir erinnern uns: jammernder stinknormaler Junge) nicht etwa bahnbrechende Forschung in der neurologischen Chirurgie zu machen – NEIN, er bittet ihn mit ihm zusammen von einer Klippe zu springen, damit sie ins nächste Wunderland namens Nangilima kommen.
BITTE WAS? Jawohl, ganz richtig gelesen – das Buch endet damit, daß beide Brüder den Freitod suchen und dafür mit einem noch tolleren Paradies belohnt werden …………. und so was soll man Kindern vorlesen? Auf dem Umschlag steht sogar “besonders zum Vorlesen geeignet”.
Ja, wenn man seine Kinder vielleicht zu potentiellen Selbstmördern machen will. Ansonsten würde ich ihnen ja lieber noch
das hier vorlesen.
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