Donnerstag mittag, im Plus an der Kasse – in Sekundenbruchteilen der Übergang von leichtem Unwohlsein zu heftigem Schwindelgefühl und der Überzeugung man müsse sich setzen oder jeden Augenblick übergeben. Danach: Filmriss. Mehrere Sekunden, vielleicht Minuten, fehlen, das nächste woran ich mich erinnern kann ist, dass ich auf halbem Weg aus dem Supermarkt raus bin, noch mal benebelt zur Kasse zurück wanke, meinen Kram bezahle, zusammenpacke (die Tasche die ich dabei hatte muss ich während der Blackouts verloren haben) und nach draußen gehe. Draußen geht es mir spontan besser. Erster Gedanke: “Ach du Schande, das war also ein Schlaganfall!”
Frau I. war dann so umsichtig, mich gleich ins Krankenhaus einzufahren – an der Aufnahme lies man mich warten, als durch das Stehen erneut Schwindelgefühle auftraten setzte ich mich auf ein nebenstehendes mit Plastik überzogenes Krankenbett. Kurz darauf kläffte mich eine Schwester an “Stehen Sie mal von dem Bett auf!”. Auf meine Erwiderung “Gerne, aber dann kippe ich sicherlich gleich um!” meinte sie nur lapidar “Stehen Sie trotzdem mal auf!” – okay, sie hat mir dann einen Rollstuhl gebracht, aber das wäre auch freundlicher gegangen.
Nach zwei Stunden Warten Vorstellung bei einem Arzt, der mich noch mal zum “Tathergang” befragt, meine Vorgeschichte wissen will und ne grundlegende Untersuchung macht – im Laufe der Unterhaltung gesteht er uns, dass er nur so was wie’n Azubi unter Ärzten ist, und dass er ja eigentlich mal HNO-Arzt werden will. Kein Wunder, dass er sich einschießt auf die Diagnose “Könnte was mit dem Mittelohr sein!”. Untersuchung durch einen zweiten Arzt, der findet auch nichts neues und labert nur vor sich hin. “Bitte warten sie draußen!”. Eingemummelt in dem mir mittlerweile zur Verfügung gestellten Krankenbett, weil es im Flur zieht wie tausend Hechtsuppen, erwarte ich mein Urteil.
Weitere Ewigkeiten später (Frau I. weiß da genaueres, mein Zeitgefühl iss nich so gut für den Tag), noch mal ins Besprechungszimmer, Treffen mit dem Chefarzt: “Ja, also, könnte neurologisch sein, könnte Herz sein, könnte sein, dass ihr Entzündungsherd an der Bandscheibe nen Abszess entwickelt hat…” – Frau I. war so klug noch mal auf das Mittelohr zu sprechen zu kommen, aber das wird vom Chefarzt gleich abgebatscht “Neeee, dafür sind die Symptome nicht richtig!”. Fazit: Einweisung. Freude, Freude, wo ich Krankenhäuser ja so sehr liebe. “Wo wir sie hinbringen wissen wir noch nich genau, wir müssen mal kucken wo noch’n Bett frei ist!”
Wieder später werde ich dann endlich auf die “Innere” gebracht (mittlerweile bin ich relativ sicher, dass “Innere” das Codewort für “Wir haben keine Ahnung was es ist, aber wir warten einfach mal ab!” ist). Frau I., die treue Seele, fährt nach Hause um mir Wäsche und anderen Kram zu bringen. Im Dreibettzimmer ist außer mir noch ein anderer älterer Herr. Während ich total fertig auf die Rückkehr von Frau I. warte steht eben jener ältere Herr auf – scheinbar unter Problemen, mit einem dick verbundenen Fuß. Als ich ihn frage “Kann ich ihnen helfen?” blickt er mich erschrocken an als hätte ich ihm vorgeschlagen ihn aus dem Fenster zu werfen. Rammdösig wie ich bin kapiere ich auch nicht, dass der arme Mann Demenz hat … was ich aber sogleich herausfinde, denn er zieht sich um sein Bett herum zum Fußende, lässt die Schlafanzughosen runter und “lässt laufen”, wie man so schön sagt. Zuerst dachte ich, er hätte da ne Bettpfanne, aber als dann langsam die Brühe den Boden benetzte, wurde mir klar, dass dem wohl nicht so ist.
Also raus, eine Schwester ansprechen “Entschuldigung, der Herr bei mir auf dem Zimmer hatte ein kleines Malheur!”. – “Ja ja, ich sag gleich bescheid.” – Alles klar, sie sagt bescheid, dann iss ja gut. Scheinbar bedeutet “Gleich” in diesem Krankenhaus “Wenn ich Lust habe”, denn auch eine halbe Stunde später schwimmt der Boden noch immer in feinstem Männer-urin. Erst ein zufällig reinkommender Pfleger (den ich auch noch darauf aufmerksam machen muss, dass da überhaupt was passiert ist) nimmt sich dann der ganzen Sache an. Da werde ich dann auch endlich informiert, dass mein Bettnachbar dement ist, und er kann ja nix dafür. Kann er ja auch nicht, aber sollte man ihn dann nicht in eine Abteilung stecken wo man sich um solche Leute kümmern kann?
Na ja, jedenfalls wurde mir dreimal blut abgenommen, zweimal Zugänge gelegt (der zweite eine Stunde nachdem man den ersten entfernt hatte, weil man den laut Abteilungsärztin ja wohl doch nich mehr brauche), EKG wurde gemacht, CT wurde gemacht, Arthrose-Spritzen gesetzt, Blutzucker gemessen etc. etc. etc. … gefunden wurde nix, außer dass ich erhöhte weiße Blutkörperchen habe (was bei ner Entzündung im Rücken wohl nicht SO verwunderlich ist) und eigentlich ständig rasenden Puls.
Des Nächtens wurde der demente Patient, der tagsüber eigentlich nur rumsaß und döste, aktiv, stand auf, stöhnte, wälzte sich hin und her und besuchte unseren dritten Bettnachbarn mehrmals in seinem Bett. Das letzte mal, wenn ich mich recht entsinne, um halb drei Uhr früh. No peace for the wicked.
Dafür bekam ich allerdings kostenfrei am zweiten Tag Fieber und Durchfall dazu. Iss doch auch was feines. Und als sei das nicht genug des guten, wurde mir am Mittag des zweiten Tages mitgeteilt, dass meine Versichertenkarte ungültig sei – und zwar schon seit Mitte letzten Jahres. Was mich etwas wundert, denn ich bin ja trotzdem damit zum Arzt und so gegangen, aber das schien nie jemandem zuvor aufgefallen zu sein.
Samstag früh war dann noch immer kein Befund da, man sagte es zwar nicht so direkt, aber “Wir haben keine Ahnung was passiert ist” war das Fazit, das ich zog. Die einzige handfeste Aussage zu welcher der Chefarzt sich überreden lies war “Wir geben ihnen jetzt für ihren Durchfall erst mal KEINE Antibiotika und kucken, ob ihr Körper das selbst in den Griff kriegt.”
Frau I. vermutete inzwischen, dass der “Zusammenbruch” eine Folge der stressigen drei vorherigen Tage war, eine Theorie, der ich mittlerweile sehr zugeneigt bin und die mich in Kombination mit dem zusätzlichen Stress “Jeder Tag Aufenthalt in diesem Krankenhaus kostet 200 Euro plus Untersuchungen und wenn sie nicht versichert sind dürfen sie das selbst bezahlen!” und der Auskunft der Krankenkasse “Ja, ne, also am Wochenende sitzen hier nur Studenten im Callcenter, da haben wir gar keinen Zugriff auf die Versichertendaten, da können wir ihnen frühestens Montag was dazu erzählen!” zu dem Schluss brachte “Alles ist besser als das hier”. Also bat ich die Stationsärztin mich auf eigene Verantwortung zu entlassen. Dann wurde ich noch belabert und rababert, aber rumliegen und die Tabletten nehmen, die ich SOWIESO nehme kann ich auch bequemer zuhause, und da ist niemand der mich nachts wach hält (außer den Katzen von Frau I., wenn sie ihr Fresschen haben wollen oder annoncieren, dass sie eine “Maus” gefangen haben, aber das ist ne andere Geschichte und die machen das wenigstens nicht die ganze Nacht hindurch).
Heute dann Klärung mit der Krankenkasse – scheinbar sind irgendwie die Informationen weggekommen, die ich bei meiner Selbstständigwerdung eingeschickt habe und seltsamerweise hat nie einer dort bemerkt, dass ich trotzdem fröhlich meine Versichertenkarte weiter benutzte. Und ich Dösbaddel hab nicht bemerkt, dass die gar nix von meinem Konto abbuchen. Okay, so we are even … muss ich halt die Beiträge für das letzte Jahr nachzahlen, dafür bin ich wieder versichert.
Sorgen macht mir der arme demente Herr, denn da ich der einzige war, der ein bisschen auf ihn aufgepasst hat und die Schwestern rief, wenn er z.B. versuchte samt Tropf sich zum Klo zu bewegen, wird es ihm sicherlich jetzt nach meinem Verschwinden nicht besser gehen.
Das einzig positive, was ich daraus ziehe ist die Erkenntnis, dass ich die allerbeste Frau auf der Welt gefunden habe, denn die Art und Weise wie Frau I. sich über alle Massen hinaus um mich gekümmert und gesorgt hat und mir mit Rat und Tat zur Seite stand, das kann nicht mehr als das zu Erwartende berechnet werden. Also, liebe Freunde, ein Hoch auf Frau I.!!!
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